Schöne neue Arbeitswelt als Retter aller Individuen?

Schöne neue Arbeitswelt als Retter aller Individuen?

Auf Facebook postete jemand neulich einen Artikel über die Anzahl der Fehltage aufgrund psychischer Erkrankungen.

Zuerst las ich die Überschrift und die Kommentare unter dem Facebook Post. Es wurde schon heiß diskutiert, dass Arbeitgeber doch endlich handeln müssten. Okay, ich wurde neugierig und las den Artikel. Diesen fand ich recht dünn… Ungewöhnlich für den Herausgeber. Aber nun gut. So stand da doch eigentlich „nur“ was von psychischen Problemen – Nichts jedoch über die Ursache oder die Entstehung. Ich versuchte, die Facebook Kommentare zu verstehen. Hm. Ich las den Artikel noch mal. Stand da irgendetwas davon, dass die Arbeitgeber die Verursacher dieser psychischen Probleme sind? Nein. Ich klicke auf den Quellenverweis zum Arbeitsministerium, der leider nicht wirklich auf eine Quelle der Statistik führt. Ich las noch einmal. Kein Hinweis. Aber auch in dem Artikel wurden die Regierung und Arbeitgeber aufgefordert zu handeln.

Ich ließ das ganze sacken und wurde irgendwie immer kribbeliger, etwas dazu zu äußern.
Es zuckte immer wieder in den Fingern. Nein, das springt mir alles zu kurz…

Das Thema New Work ist im Mainstream angekommen und ich bin natürlich große Befürworterin. Nur gilt es aus meiner Sicht auch, die Grenzen zu akzeptieren. Wofür wollen wir unsere Arbeitgeber eigentlich noch alles verantwortlich machen? Sind diese neu eingeforderten Arbeitsbedingungen nun das Allheilmittel für all unsere Probleme? Für alles?

Die meisten psychischen Probleme haben ihre Ursachen in der Kindheit. Das sollte bekannt sein. Wie ich damit umgehe liegt in meiner eigenen Hand. In keiner anderen Hand. Und schon gar nicht in der Verantwortung oder Aufgabe des Arbeitgebers. Natürlich sollten Arbeitgeber sich offen geben, ein offenes Ohr haben. Sich flexibel zeigen, wenn psychische Probleme da sind. Gemeinsam nach Lösungen suchen.

Als freie Mitarbeiterin komme ich viel rum und erlebe beides: unterschiedliche Arbeitgeber mit unterschiedlichen Kulturen, unterschiedlichen Haltungen und Rahmenbedingungen. Offene und weniger offene.
Was ich auch erlebe sind Mitarbeiter, die es nicht schaffen sich Abzugrenzen. Die ihre Grenzen ständig überschreiten. Die das „gebraucht werden“ innerhalb ihrer Arbeitswelt suchen und genießen, auf der Suche nach Lob und Anerkennung, anstatt ihr Privat- und Seelenleben in Ordnung zu bringen. Führungskräfte haben keine Glaskugel. Sie können es manchmal nicht wissen, wenn ein Mitarbeiter seine Grenzen überschreitet. Was sie gebrauchen können, ist ein klares „nein“, um überhaupt die Chance zu haben, zu reagieren. Was sie geben sollten ist die Legitimierung für ein klares „nein“. Eine offene Haltung für das Aufzeigen von Grenzen.

Wir aber, wir können anfangen Verantwortung für uns selbst zu übernehmen.

Hier beginnt unsere Freiheit, unser Handlungsspielraum. Ich habe aber den Eindruck, dass wir, unsere Gesellschaft, es immer noch lieben, Vorgaben zu bekommen. Für alles fordern wir ein, dass andere ihr Verhalten ändern. Zucker. Mietspiegel. Radfahrwege. Ständig werden schwarze Schafe und Verantwortliche gesucht. Es ist die Industrie, die zu viel Zucker in die Lebensmittel kippt. Ja, ich finde das auch nicht gut, was die Industrie macht. Und ja, die Kommunikation ist mir zu intransparent, die Zuckeranteile werden „versteckt“. Dennoch bin ich es, die im Regal auswählt. Es liegt in meiner Verantwortung, mich zu informieren. Der Zugang zu Informationen und Bildung ist dank der Digitalisierung einfacher geworden. Auf die Suche gehen müssen wir immer noch selbst.

Es ist doch ein Paradoxon. Wir fordern Freiheit und Selbstbestimmung von unseren Arbeitgebern.

Aber sind wir eigentlich in der Lage, die Verantwortung die Freiheit und Selbstbestimmung mit sich bringen in die Hand zu nehmen?

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